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Texas German

A1.1Orientierung — was du lernst

1. Was ist Texasdeutsch?

Texasdeutsch (englisch Texas German) ist eine Gruppe deutscher Dialekte, gesprochen von den Nachkommen der deutschen Texas-Siedler der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihr Siedlungsgürtel reichte von Houston bis ins Hill Country — mit Gründungen wie New Braunfels, Fredericksburg, Boerne und Comfort.1

Ungewöhnlich lange hielt sich die Sprache: Texas stellte das Deutsche ab 1846 dem Spanischen gleich (bis zum Ersten Weltkrieg), und noch 1940 gab es rund 160.000 Sprecher. Englischsprachiger Schulzwang (ab 1893) und die antideutsche Stimmung der Weltkriege beendeten die Weitergabe; heute sprechen es noch etwa 5.000 meist über 70-Jährige, und um 2035 dürfte es verstummen.1

Für Deutschsprachige ist Texasdeutsch ein faszinierender Spiegel: Deutsch des 19. Jahrhunderts mit texanischer Biografie.

A1.2Erster Kontakt — Deutsch mit englischem Einschlag

Rund 5–6 % des Wortschatzes sind englische Entlehnungen; wo den Siedlern ein Wort fehlte, prägten sie eigene — berühmt ist Luftschiff für „Flugzeug“.1 Kaum zwei Sprecher klingen gleich; die starke Variation gehört zum Wesen des Dialekts.1

Der Wortschatz passte sich der neuen Heimat systematisch an: US-Maßeinheiten und Rechtsbegriffe wurden übernommen, fehlende Wörter neu geprägt, aus Nachbardialekten eingeführt oder aus dem Englischen entlehnt; dazu kommt Dialektausgleich (dialect leveling) zwischen den Herkunftsmundarten der Siedler — ein Muster, das Texasdeutsch mit anderen amerikanisch-deutschen Varietäten teilt.1 Hans C. Boas fasst es so: eine „eigentümliche Mischung aus Englisch und Deutsch des 19. Jahrhunderts“, in der kaum zwei Sprecher gleich klingen.1

TexasdeutschHochdeutschAnmerkung
LuftschiffFlugzeugim Standarddeutschen bezeichnet Luftschiff ein anderes Fluggerät
(engl. Lehnwörter, ≈5–6 % des Wortschatzes)Maße, Rechts- und Alltagsbegriffe der neuen Heimat

Weiterlernen — hören, solange es geht

Erforscht wird der Dialekt seit Glenn Gilberts Feldarbeit in den 1960ern; heute dokumentiert das Texas German Dialect Project der University of Texas at Austin unter Hans C. Boas die letzten Sprecher. Boas' The Life and Death of Texas German (2009) ist die Standardstudie; die Tonaufnahmen des Projekts sind der beste Weg, echtes Texasdeutsch zu hören.1

A2.1Geschichte im Detail

Die Besiedlung hat Namen und Daten: Die meisten Einwanderer kamen über den Mainzer Adelsverein; unter dessen Vorsitzendem Prinz Carl zu Solms-Braunfels wurde 1846 Fredericksburg gegründet. Die Siedler weigerten sich, Englisch zu lernen, und bildeten im Hill Country eine echte Sprachinsel — deren Isolation erst bröckelte, als die Gillespie County Fair 1889 nach Fredericksburg zog. Nach 1900 stellte die Gemeinde Englischlehrer ein; im Ersten Weltkrieg wurde der Deutschunterricht ganz verboten.2

Sprecherzahlen im Zeitraffer

JahrSprecherAnteil an Texas
1907≈ 90.0002,57 %
1940≈ 160.0002,49 %
1960er≈ 70.0000,73 %
heute≈ 5.000 (meist 70+)0,017 %

Der Siedlungsgürtel war größer, als die berühmten Hill-Country-Namen ahnen lassen: Neben New Braunfels, Fredericksburg, Boerne und Comfort gründeten die Einwanderer u. a. Bulverde, Pflugerville und Walburg im Hill Country, Muenster in Nordtexas sowie Schulenburg, Brenham, Industry, New Ulm und Weimar in Osttexas.1

Wo es heute noch klingt (Zensus 2000)

OrtDeutschsprecherAnmerkung
Fredericksburg1.03512,48 % der Stadt — größte Gemeinde
New Braunfels840
Schulenburg150Osttexas
Stonewall85Gillespie County
Boerne70
Harper65Gillespie County
Comfort45
Gillespie County gesamt2.27011,51 % des Countys

Die Zahlen (Zensus 2000, alle Deutschsprachigen) zeichnen die alte Sprachinsel exakt nach: Ihr Kern ist bis heute das Gillespie County. Landesweit leben rund 82.100 Deutschsprecher in Texas — einschließlich europäischer Muttersprachler.1

A2.2Grammatik-Steckbrief

Zwei Strukturmerkmale sind gut belegt: Texasdeutsch kennt keinen Genitiv, und Dativ und Akkusativ sind zusammengefallen. Darüber hinaus wurde es im 20. Jahrhundert mehr und mehr zur deutsch-englischen Mischsprache, deren Regeln von der jeweiligen sozialen Kontaktsituation abhängen — ein Grund für die starke Variation zwischen Sprechern.12

HochdeutschTexasdeutschAnmerkung
Genitiv (des Mannes)— (ungebräuchlich)Besitz ohne Genitiv ausgedrückt
Dativ ≠ Akkusativein gemeinsamer ObjektkasusKasuszusammenfall
FlugzeugLuftschiffPrägung des 19. Jh.; im Standard ein anderes Fluggerät

Nicht verwechseln: Texas-Elsässisch

Texasdeutsch bewegt sich nahe am Standarddeutschen. Davon zu unterscheiden ist das Texas-Elsässische im Medina County — eine ebenfalls aussterbende, vom Elsässischen (Alemannisch) abstammende Varietät, dokumentiert von Karen Roesch (2012).2

A1

Übung A1: Texasdeutsch im Steckbrief

Practice: Die Kernfakten und Strukturmerkmale des Texasdeutschen aus diesem Leitfaden: Geschichte (Adelsverein, 1846, Gillespie County Fair), Grammatik (fehlender Genitiv, Kasuszusammenfall) und die berühmte Wortprägung. Schreibe das fehlende Wort.. Type the missing word — accents are optional.

  1. 1.„Flugzeug“ heißt auf Texasdeutsch:

    Hint: im Standarddeutschen ein anderes Fluggerät

  2. 2.Texasdeutsch kennt keinen (Kasus).

    Hint: der Fall des „des Mannes“

  3. 3.Dativ und sind zusammengefallen.

    Hint: der Wen-Fall

  4. 4.Die meisten Einwanderer kamen über den Mainzer .

    Hint: ein Verein des Adels

  5. 5.1846 gegründet unter Prinz Carl zu -Braunfels: Fredericksburg.

    Hint: auch eine Stadt in Hessen trägt den Namen

  6. 6.Ab 1846 stellte Texas das Deutsche dem gleich.

    Hint: die andere große Einwanderersprache in Texas

  7. 7.Die Isolation der Sprachinsel endete mit dem Umzug der Gillespie County (1889).

    Hint: englisches Wort für Jahrmarkt

  8. 8.Erforscht wird der Dialekt an der University of Texas at .

    Hint: die Hauptstadt von Texas

  9. 9.Der Dialekt dürfte um das Jahr verstummen.

    Hint: eine Jahreszahl in den 2030ern

  10. 10.Heute sprechen noch etwa Menschen Texasdeutsch (Zahl).

    Hint: eine einstellige Tausenderzahl

10 questions

Grammar reference: Alle Antworten stammen aus den Abschnitten §1–§4 dieses Leitfadens, belegt gegen „Texas German“, Wikipedia (englisch) und „Texasdeutsch“, Wikipedia (deutsch), beide erneut abgerufen am 2026-07-03. Aufgaben original LinguaCommons.. Sentences are original to LinguaCommons.

Sehen & hören

Wer den Dialekt erleben will, hat mehr Auswahl als je zuvor: den Kurzdokumentarfilm All Güt Things (2016), die Podcast-Folge „Texas German“ von Yellow of the Egg (2022, mit Hans C. Boas)1 und die NDR-Radiosendung Texas German in der Reihe Zwischen Hamburg und Haiti (Dezember 2022, 26 Minuten)3 — dazu die Interviewaufnahmen des Texas German Dialect Project.4

Vertiefen

Die Forschungsliteratur ist überschaubar und lesenswert: Glenn Gilbert, The German Dialect of Kendall and Gillespie Counties, Texas (1964); Marcus Nicolini, Deutsch in Texas (2004); Hans C. Boas, The Life and Death of Texas German (2009). Die Interview-Aufnahmen des Texas German Dialect Project bleiben das beste Hörmaterial.12

Dieser Leitfaden wächst iterativ: Diese Ausgabe (Lauf 118) ergänzt Sprecherstatistik, Ortsdaten, Medienführer und die erste Übung; spätere Ausgaben ergänzen Hörtranskripte des TGDP, Vokabellisten und weitere GER-Teilstufen.

Notes & Bibliography

  1. „Texas German“, Wikipedia (englisch) — Dialektgruppe der Nachkommen der Siedler Mitte des 19. Jh.; Siedlungsgürtel Houston–Hill Country (New Braunfels, Fredericksburg, Boerne, Comfort …); Gleichstellung des Deutschen mit dem Spanischen 1846 bis zum 1. Weltkrieg; Sprecherzahlen ~90.000 (1907), ~160.000 (1940), ~70.000 (1960er), ≈5.000 heute (meist 70+), erwartetes Erlöschen um 2035; ab 1893 englischsprachiger Schulzwang, antideutsche Stimmung beider Weltkriege; ≈5–6 % englisches Lehngut, Prägungen wie Luftschiff „Flugzeug“; Forschung: Glenn Gilbert (1960er), Hans C. Boas / Texas German Dialect Project (UT Austin), The Life and Death of Texas German (2009). Ergänzt (Lauf 118, erneut abgerufen 2026-07-03): vollständiger Gründungsgürtel (Bulverde, Pflugerville, Walburg, Muenster, Schulenburg, Brenham, Industry, New Ulm, Weimar); Zensus-2000-Ortszahlen (Fredericksburg 1.035 = 12,48 %, New Braunfels 840, Schulenburg 150, Stonewall 85, Boerne 70, Harper 65, Comfort 45; Gillespie County 2.270 = 11,51 %; 82.100 Deutschsprecher in Texas gesamt); Anpassung an US-Maß- und Rechtsterminologie, Neuprägung/Entlehnung/Dialektausgleich; Boas-Zitat („odd mixture of English and 19th-century German“); Dokumentarfilm All Güt Things (2016) und Podcast Yellow of the Egg (2022). [source]
  2. „Texasdeutsch“, Wikipedia (deutsch) — Auswanderung über den Mainzer Adelsverein unter Prinz Carl zu Solms-Braunfels (Gründung Fredericksburgs 1846); Sprachinsel im Hill Country durch Englisch-Verweigerung der Siedler, Ende der Isolation mit dem Umzug der Gillespie County Fair nach Fredericksburg 1889; ab 1900 Englischlehrer, im Ersten Weltkrieg Verbot des Deutschunterrichts; Grammatik: kein Genitiv, Zusammenfall von Dativ und Akkusativ, zunehmend deutsch-englische Mischsprache je nach sozialer Kontaktsituation; Abgrenzung vom Texas-Elsässischen (Medina County; Roesch 2012); Literatur: Boas 2009, Gilbert 1964, Nicolini 2004. [source]
  3. „Texas German“, Radiosendung in der NDR-Reihe Zwischen Hamburg und Haiti von Guido Meyer, 18. Dezember 2022 (26 Minuten) — deutschsprachige Radiodokumentation über den Dialekt; verlinkt im deutschen Wikipedia-Artikel „Texasdeutsch“ (abgerufen 2026-07-03). [source]
  4. Texas German Dialect Project (tgdp.org), University of Texas at Austin, Leitung Hans C. Boas — laufende Dokumentation mit Interviewaufnahmen der letzten Sprecher; Quelle für Dialektausgleich in amerikanisch-deutschen Varietäten (abgerufen 2026-07-03). [source]
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